Wie Tschechow im Kirschgarten den sozialen Wandel in Russland um 1900 beschreibt, geht es bei Katerina Poladjans Zukunftsmusik um die Aufbruchsstimmung 85 Jahre später.
Wir befinden uns in einer sowjetischen WG, genannt Kommunalka, im sibirischen Nirgendwo. Hier haben sich vier Frauen eingerichtet, Großmutter Wawara, Mutter Maria, Tochter Janka und deren kleine (unsichtbare) Tochter Kroschka. Sie leben Seite an Seite mit dem systemtreuen Ingenieur Matwej Alexandriwitsch, dem Schaffnerehepaar Kosolapijs und den Karisen, von denen niemand genau weiß, wer sie sind, und zu Gesicht kriegt der Zuschauer sie auch nicht. Im Radio verkündet eine Stimme den Tod von Tschernenko. Wir schreiben März 1985 und alle ahnen, dass sich ihr Leben ändern wird und ein Aufbruch in etwas Neues das ganze Land erfassen wird. Was sich für die einen als Befreiung erweist, fühlt sich für die anderen als große Katastrophe des 20. Jahrhunderts an. Und dazwischen wirst Du an dem kurzweiligen Abend mit Menschenschicksalen vertraut gemacht, die mit sich hadern und sich fragen, was zu tun ist, wie sie in diesem Land leben wollen und können. Nicht nur die Politik spielt eine Rolle, klar, schon ein Tag später wird Gorbatschow als Generalsekretär gewählt, der die Reformpolitik von Glasnost und Perestroika wie kein anderer prägte. (aber das wissen Maria, Matjwej, Janka & Co ja noch nicht), sondern auch die Liebe. Und hier vor allem die zur Musik. Jankas Stimme ist denn auch in der Lage, Säle zu füllen bzw. erst einmal die Küche in der Kommunalka.
Und überhaupt sind die Schauspieler allesamt großartig. Teils schlüpfen sie in drei verschiedene Rollen, bleiben dabei völlig authentisch und singen auch noch in quasi akzentfreiem Russisch mit Timbres, die einem schon mal einen wohlig schönen Schauer den Rücken hinunterjagen.
Einen besonderen Dank gilt Bühnenbildnerin Magda Willi, die mit ihren sechs verschiedenen Mini-Zimmern eine atmosphärisch dichte Wohnung kreiert, die so verspleent und liebevoll zugleich ist, dass man sich gar nicht sattsehen kann und sich jedesmal freut, wenn die Drehbühne wieder eine Runde absolviert.
Dass Regisseur Nurkan Erpulat eine solide Arbeit hinlegt, war zu erwarten, gehört er schließlich seit 12 Jahren zum Haus, und es ist seine letzte Inszenierung an der Seite von Indendantin Shermin Langhoff. Sie rief am Ballhaus das postmigrantisches Theater in der Hauptstadt ins Leben, Erpulat unterstützte wesentlich. Last but not least sei als kleiner Kritikpunkt die Dauer des Stücks angeführt, 110 Minuten hätte es nicht unbedingt bedurft, aber wenn es um Hoffnung und den Traum von einer besseren Existenz geht …, gut.
WANN?
Di., 27.1.26, 19.30 Uhr
Die, 3.2.26, 19.30 Uhr
Mi., 4.2.26, 19.30 Uhr
WO?
Maxim Gorki Theater
Am Festungsgraben 2, 10117 Berlin-Mitte
www.gorki.de
KARTEN:
19 bis 33 Euro, hier bestellbar
BESETZUNG:
Çiğdem Teke
Via Jikeli
Doğa Gürer
Ursula Werner
Aysima Ergün
Marc Benner

