Das Team um die künstlerische Leitung Katharina Mouratidi von f3 beweist schon seit langem ein gutes Gespür für exzellente Fotografen. So auch in ihrer aktuellen Schau Eve Arnold. Capturing Compassion, die Du seit Sommer letzten Jahres in den neuen Räumlichkeiten unweit der alten Galerie, nun aber größer, lichtdurchfluteter, auf zwei Etagen und mit Terrasse, besuchen kannst.
Eve Arnold (*1912 als Cohen) gehört zu den bedeutendsten humanistischen Fotojournalistinnen des 20. Jahrhunderts. Umso erstaunlicher, dass mir der Name kein Begriff war. Falls es Dir ähnlich ergeht, bringe ich jetzt etwas Licht ins Dunkel.
Diese Frau ist ein Faszinosum. Nicht nur kam sie als sechstes von neun Kindern in Philadelphia zur Welt, nein, auch gelang es ihr, nach New York zu gehen und dort einen sechswöchigen Fotokurs beim Art Director von Haper’s Bazaar Alexey Brodovich zu belegen. Während dieser Zeit entstand ihre erste bedeutende Reportage, in der sie die Modeszene in Harlem dokumentierte. Ergo begann Arnold erst im Alter von Mitte dreißig zu fotografieren und wurde phänomenalerweise 1951 als eine der ersten Frauen in die renommierte Agentur Magnum aufgenommen.
Im Zentrum ihrer Arbeit stand stets der Mensch. Mit äußerster Feinfühligkeit suchte sie die Realität hinter der Oberfläche, ohne einen Unterschied zwischen arm und reich oder berühmt und alltäglich zu machen. Sie nutzte den revolutionären Ansatz, indem sie Vorbereitungen anstatt inszenierter Posen im Studio mit ihrer Leica festhielt wie beispielsweise bei den o.g. Modenschauen schwarzer Modells.
Über ein halbes Jahrhundert lang porträtierte sie Filmstars wie Marlene Dietrich, Joan Crawford, Clark Gable, Orson Wells oder Isabella Rossellini, von der sie beispielsweise nebenbei erfährt, dass ihrer Mutter (Ingrid Bergmann) mit dem Photographen Robert Capa eine Liaison hatte. Ihre zehnjährige Begleitung von Marilyn Monroe führte zu sehr persönlichen Bildern, die einen privaten und verletzlichen Blick auf die Schauspielerin zulassen und hier einen Großteil der Ausstellung ausmachen. Wunderbar natürlich gibt sich der Star in Aufnahmen zum Film The Misfits (1961), in der Wüste Nevada gedreht und von der Autodidaktin grandios eingefangen.
Dass Arnolds auch unter äußerst schwierigen Bedingungen gute Arbeit leistet, zeigen die Fotos des schwarzen US-Amerikaner Malcolm X. Ihre Reportage über den Bürgerrechtler und die Bewegung der Black Muslims wurde weltweit publiziert und stellte den Beginn ihrer Karriere in London, wohin sie 1962 zog, dar.
Zugang zu dem einflussreichen Mann zu bekommen, war alles andere als einfach. Die Fotografin jedoch hatte Kontakt zu dem Journalisten Louis Lomax, der ihr schließlich ein Treffen mit dem Anführer der Black Muslims vermittelte. Und dieser wusste wie kaum ein anders Model um die Macht der Kamera, und wie man sie am besten zum eigenen Vorteil einsetzt. Malcolm X erwies sich dahingehend als Meistermanipulator, wie Arnold einmal konstatierte. Ihr geduldiger Umgang mit den Persönlichkeiten von der Linse führte zu überzeugend authentischen Resultaten. Dabei wirkt ihr Blick nie voyeuristisch. Welche ungeheuerliche Geschichte dem Setting zugrunde liegt, kannst Du in der Ausstellung selbst herausfinden.
Die Schau mit rund 120 ihrer Arbeiten gibt einen soliden Einblick in Arnolds einfühlsames und wegweisendes Werk, das durch Beharrlichkeit und präzise Bildkomposition überzeugt.
Arnold starb am 4. Januar 2012 in London im stolzen Alter von 99 Jahren. Sie hinterlässt einen Sohn Frank.
WO?
f³ – freiraum für fotografie
Prinzessinnenstraße 30
Berlin Kreuzberg
WANN?
Dienstag – Sonntag, 13 – 19 Uhr
letzter Einlass: 18.30 Uhr
Laufzeit bis zum 1.3.2026
EINTRITT:
7 €, ermäßigt 5 €
FÜHRUNGEN:
So., 1.3.26, 11 Uhr (10,-/erm. 7 €)
Mi., 18.2.26, 19 Uhr inkl. Glas Wein (18,-/erm. 12 €)
