Crew v.l.n.r. Drehbuchautor Florian Plumeyer, Giulio Brizzi, Regisseur Lauro Cress, Ladina von Frisching, Livia-Matthes, Moderator Rüdiger Suchsland (Foto: Anne Schüchner)
Crew v.l.n.r. Drehbuchautor Florian Plumeyer, Giulio Brizzi, Regisseur Lauro Cress, Ladina von Frisching, Livia-Matthes, Moderator Rüdiger Suchsland (Foto: Anne Schüchner)

Ungeduld hat häufig Schuld

Lauro Cress schnappt sich mit seinem Drehbuchautoren Florian Plumeyer den gleichnamigen Roman von Stefan Zweig. Beide wollen das Werk des Österreichers nicht nur adaptieren, sondern in die Jetztzeit übertragen und zugleich emotional interpretieren. Heraus kommt ein so gelungenes Langfilm-Debut, das im vergangenen Jahr gleich den Max Ophüls Preis einheimst, was großteils auch am Verve der Hauptdarsteller- dem 27-jährigen Deutsch-Italiener Brizzi und der Schweizerin von Frisching, die ursprünglich Leistungssportlerin werden wollte, liegt. Nun hat ihr die Rolle eine Nominierung als beste Nachwuchs-Schauspielerin beschert.

Zum Plot: Bei einem Bowlingabend – es gibt sonst nichts anderes als die Bahn in diesem kleinen Örtchen, treffen der junge Bundeswehrsoldat Isaac und die zwei ungleichen Schwestern Ilona und Edith aufeinander. Eigentlich flirtet er mit der Brünetten, aber er fordert die blonde Edith zum Kugelschieben auf. Etwas zu überschwänglich, denn sie fällt zu Boden. Zu spät hat er den Rollstuhl an ihrer Seite entdeckt. Um sich zu entschuldigen, sucht er das Heim der Schwerstern auf, eine noble klassizistische Villa – denn ihr Vater ist der Baulöwe der Umgebung – und bringt Edith ein Strauß Blumen. Zwischen beiden entwickelt sich eine sanfte Beziehung, gespickt mit Feinfühligkeit, Hoffnung und Abhängigkeit. Je mehr Isaac versucht, Ediths Idee einer umstrittenen Stammzellentherapie folge zu leisten, desto tiefer verstricken sich beide in eine Gemengelage aus Sehnsucht und Selbsttäuschung.

Mit stimmungsvollen Bildern und großer emotionaler Präzision erzählt der Film von der teils toxischen Grenze zwischen Liebe und Mitleid und von der Suche nach Anerkennung. Und alle Beteiligten spielen mit einem Elan, die einen schier umhaut. Isaac verkörpert den harten Typ, sein Körper strotzt nur so vor Muskeln. Dem gegenüber steht seine Tiefgründigkeit und irgendwie auch Menschenkenntnis. Eine der erstaunlichsten Momente des Film ploppt auf, als sich der Soldat ans Klavier setzt und seine Finger behändig und gekonnt über die Tasten gleiten. Sofort taucht man in eine andere Welt, und Du spürst, dass der Typ Potenzial hat und Du Deine Sichtweise nochmal korrigieren musst. Hauptsächlich ist Isaac nach der Suche auf sich selbst und seiner Vaterfigur. Insgeheim beneidet er Edith ein bisschen um ihren alten Herrn. Auch verbindet anfänglich die beiden so einiges: Die Leidenschaft für Motorcross, die Schlagfertigkeit und die Liebe zur härteren Musik, sie tragen Shirts mit Bandprints. Hier erzählt der Regisseur, das er bekennender Show Me The Body -Fan ist, und das Hardcore-Trio aus New York unbedingt als Filmmusik dabei haben wollte.

Die vielschichtigen Figuren sind dem Milieu entsprechend sehr präzise angelegt. Allerdings sind da auch noch die Kameraden, die nicht so wirklich in Ediths Weltbild passen. Die soziale und kulturelle Differenz tritt bei einer Party, auf die beide eingeladen sind, mehr als deutlich zutage. Und um nicht zu viel zu spoilern, ist es aber genau das, was die zwei doch auseinandertreibt und Enttäuschung zurücklässt.

War es bei Zweig die Angst vor Spott, die seinen Leutnant Hofmiller dazu bewog, sich nicht zu seiner Edith nach ihrem Reitunfall zu bekennen, wird hier deutlich, dass Issac doch einfach Macho sein will. Aber der Regisseur gönnt ihm diesen Abgang nicht. Seine Edith ist die Schlauere. Dennoch lässt das Schlussbild des 104-Minüters ein Fünkchen Hoffnung zu, dass nicht alle nur aus Mitleid und schlechtem Gewissen geschah, denn es vermittelt: Panta rhei.

ZU SEHEN:
Filmkunst 66 1/2 (Saal 2)
Bleibtreustr. 12, Berlin-Charlottenburg
Do, 05.02. – Mi, 11.02.2026, jeweils 18.15 Uhr, außer Sa.

Bali
Teltower Damm 22, Zehlendorf
Mo, 09.02. – Mi, 11.2.26, je 18 Uhr

fsk
Segitzdamm 2, Berlin-Kreuzberg
Sa, 07.02., 13.15 und 17.45 Uhr
So, 08.02., 12.45 und 17.30 Uhr
Mo, 09.02. – Mi., 11.2.26, je 20 Uhr

CAST:
Ladina von Frisching – Edith
Giulio Brizzi – Isaac
Jan Fassbender – Isaacs Kamerad Holzer
Tim Lanzinger – Isaacs Kamerad Ben
Livia Matthes – Ilona, Schwester von Edith
Thomas Loibl – Vater von Edith und Ilona

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