Frei an den Skeptiker-Song angelehnten Titel, der nicht vortrefflicher sein könnte, lässt sich auch ein Bogen zu der Raoul Hausmann-Ausstellung Vision. Provokation. Dada. in unserer Stadt spannen. Die Punkband fasste es schon präzise zusammen: „DaDa war Protest gegen jede Konvention, in Kunst und Politik, in jeglicher Region.“
Raoul Hausmann (1886-1971) gehörte zu den zentralen Personen der Avantgarde des 20. Jahrhunderts, weil er in mehreren Bereichen der Kunst arbeitete: Er malte, tanzte, fotografierte, kreierte Männermode und versuchte sich als Autor. Aber in erster Linie war er Dadaist, was so viel heißt, er beschäftigt sich mit Allem und Nichts.
1886 in Wien geboren, kam er im Alter von 14 Jahren nach Berlin, denn sein Vater wurde zum Hofmaler Kaiser Wilhelms II. an die Akademie berufen. So kannst Du gleich im Treppenhaus links, bevor es in die eigentlichen Ausstellungsräume geht, ein Porträt Raouls, um 1900 von Victor auf Leinwand gebannt, entdecken.
In Berlin geht er nicht mehr zur Schule, sein zeichnerisches Können vermittelt ihm der Vater, er hat Talent und Ehrgeiz, beides baut er aus. Zudem trifft er die richtigen Leute, heiratet sehr früh Elfriede Schaeffer, sie bekommen 1907 Tochter Eva. Stilistisch setzt er sich zunächst mit Expressionismus auseinander, probiert dann verschiedene Stilrichtungen und sucht nach seiner eigenen Handschrift. Er lernt die Künstlerin Hannah Höch kennen, mit ihr erfindet er die Collagen. Ein wunderbar eindringliches, kubistisches Porträt von Hannah hängt gleich im ersten Raum rechts an der Wand. Die beiden befruchten sich in jeder Hinsicht, sie treibt zweimal ab, er will sich nicht scheiden lassen. Bis 1922 funktioniert diese kreative Fusion.
Ob der Fülle der präsentierten Arbeiten, picke ich mir mal das Werk „Elasticum“ 1920 heraus, was Du nicht verpassen solltest. Diese Collage ist ein schieres Wimmelbild: Teleskop, Zahnrad, Tacho, Bereifung, Buchstaben und das Konterfei von Henry Ford sind erkennbar. Das heißt, Themen wie Industrie, Mobilität, Fließband treffen aufeinander. Nicht zu übersehen, der rote Schriftzug „Merde“ unten rechts, (was soviel wie Scheiße auf Deutsch heißt). Einerseits präsentiert uns Hausmann seine Begeisterung von Schnelligkeit und Modernität, andererseits zeigt es seine Skepsis. Aber klar, die Dada Gruppe ist angetreten, um zu provozieren und die Menschen wachzurütteln. Hausmann selbst agierte zeitlebens gegen sämtliche Konventionen und tritt überdies als tüftelnder Erfinder in Erscheinung.
Dazu spannend lesen sich die Zeichnungen einer Rechenmaschine, genannt Optophon, sie soll Licht in Klänge und Töne in Bilder umwandeln. Zwar meldete Hausmann ein Patent an, aber gebaut wurde die Maschine trotz seines wunderbaren überlieferten Zitates nie: „Mit den Augen hören, mit den Ohren sehen, und Sie werden den Verstand verlieren.“
1922 trennt er sich von Hannah Höch als auch von seiner Ehefrau, ebenfalls ist die Dada-Bewegung am Ende. Ab 1927 geht es an die Ostsee, nach Sylt, und er macht vornehmlich Fotos, wieder mit der Idee, all unsere Sinne zu erobern. So siehst Du beispielsweise ein ungemachtes Bett und spürst vielleicht noch die Wärme der Person, die eben noch darin lag. Auch versucht sich der Monokelträger als Schriftsteller. Einem Teil seines Buches Hyle, das sich mit banalen Momenten des Alltags befasst, kannst Du in der Hörstation nachspüren.
Ab 1933 verlässt er Deutschland, da seine Kunst als entartetet gilt und seine Freundinnen jüdisch sind. Sie gehen zu dritt nach Ibiza, hier präsentieren seine fotografischen Aufnahmen die dortige Architektur und Lebensweise. Wegen des spanischen Bürgerkriegs ziehen sie weiter über Zürich und Prag, landen schließlich im Limoges, Frankreich, was sich als letzte Station für Hausmann erweist.
Er greift nun auf seine früheren Arbeiten zurück, benutzt die Markenzeichen wie seinen aufgerissenen Mund oder kreative Poems in Buchstaben. Ab den 6oern ist er wirklich fast blind, hatte grauen Star auf beiden Augen, aber bleibt aktiv. Und durch die Hilfe seiner 37 Jahre jüngere Lebensgefährtin Marthe Prevot wird die allerletzte Arbeit „Weiß auf Weiß“ von 1970 realisiert: Du bist gezwungen näher zu kommen und entdeckst eine dünne Schicht Styropor und Stoff in dynamischer, präziser Anordnung. Besonders interessant ist die Struktur des Papiers im Hintergrund, und Hausmann schafft es, wieder alle Sinne in dieser Arbeit zu vereinen und auch dem Beobachter zu entlocken.

Das Werk eines talentierten Genies, eines unermüdlichen Entdeckergeistes, eines verführerisch gut gekleideten Dandy, eines Lebemanns haut einen schier um. Allerdings fällt auf, dass das von Churchills Frau vermeintlich geäußerte Zitat „Hinter jedem erfolgreichen Mann steht eine starke Frau“ hier dermaßen ins Schwarze trifft. Und so gilt vor allem Hannah Höch, Hedwig Mankiewitz und Marthe Prevot ein riesen Dank, ohne die eine Schau dieser Quali- und Quantität nicht möglich gewesen wäre.
ADRESSE:
Berlinische Galerie
Alte Jakobstraße 124-128, 10969 Berlin – Kreuzberg
ÖFFNUNGSZEITEN:
Mi – Mo von 10 – 18 Uhr, dienstags geschlossen, noch bis zum 16.3.26
TICKETPREIS:
Tageskarte 12 €
Ermäßigt 7 €


Ich kann die Haussmann Ausstellung jedem Freund des Absurden wärmstens empfehlen. Wer noch mehr Kunst von Hannah Höch sehen und mehr über ihr Leben erfahren möchte, wird in der oberen Etage fündig.