Die Flotte der DDR-Hochseefischer gehörte zu den größten der Welt. Von Rostock und Sassnitz aus fuhren 4.000 Seeleute auf ihren bis zu 400 Schiffen auf alle Ozeane. Die Arbeit des Fischens und Produzierens an Bord war strapaziös, aber die Schiffe passierten den eisernen Vorhang, so bot sich den angeheuerten Seeleuten eine Chance, die weite Welt zu erkunden.
Regisseur Tom Fröhlich erzählt mit seinem Film Vom Traum, unsinkbar zu sein eine Geschichte auf dem Meer, genauer gesagt vom Schicksal der verbleibenden Schiffe des VEB Fischkombinat Rostock. Wasser, Wind, Wellen und Kutter sind dem gebürtigen Fischkopp besonders vertraut. Die Verbundenheit mit der Heimat war es auch, die ihn umtrieb. Er wollte verstehen, wie eine kollektive Erinnerung namens Fiko so schnell aus dem Gedächtnis der Menschen verschwinden kann. Und er wollte erfahren, was mit den Schiffen geschah. Denn nach der der Wiedervereinigung wurde das Fischkombinat abgewickelt, die Flotte fast vollständig verschrottet. Geblieben ist der Zusammenhalt der Fischer, die sich bis heute treffen. Fröhlich, Baujahr 1989, forscht etliche Jahre, dazu besucht er unter anderem Stammtische der alten DDR-Hochseefischer, deutschlandweit. Nach akribischer Recherche macht er sagenhafte vier der verbliebenen Schiffe ausfindig: Die Nida, die Stubnitz, den Blauwal und den Seefuchs.
Das spannendste Schicksal ereilt letzterem, gebaut 1959 auf der Elbewerft Boizenburg. Ingenieur Oliver Schmidt aus Rügen schockverliebt sich in das rote Boot mit klassischem Design, setzt es instand und nutzt es 24 Jahre lang gemeinsam mit Freunden. Später wurde es an die Seenotretter von Sea-Eye verkauft. Nach nur einer gelungenen Lebensrettungsaktion wird der Seefuchs 2019 nach Spanien verschenkt und gerät über Umwege wegen Drogenschmuggels in den Fokus der Guardia Civil. Die Spuren führen Fröhlich in diesem Fall zu einem andalusischen Hafen. Ansonsten dreht er auf einem dänischen Schrottplatz in Grenå, wo der Blauwal dem Bagger mit Hydraulikscheren zum Opfer fällt, in Grönland, wo die Nida bis in die 2000ern unter litauischer Flagge fährt, dann allerdings auch vor drei Jahren in Gent verschrottet wird, und in Hamburg, das der Stubnitz ein dank ihrer besonderen Akustik ein kulturelles Zuhause in der HafenCity gibt. Die vier Exemplare verweisen als letzte Zeugen auf eine untergegangene Arbeitswelt und zugleich auf lebendige Orte, an denen heute noch gewerkelt und sich erinnert wird.
Der Film erhebt zudem einen politischen Anspruch. Denn Fröhlich scheut sich nicht, die Auswirkungen von Wende, Globalisierung und Industrialisierung anzureißen. Vor allem aber ist er ein ästhetisches Dokument und eine Liebeserklärung an die Protagonisten aus Stahl. Mit wunderbarer Kameraführung, langsamen Einstellungen und präzise gesetzten Shots schafft er ein eindrückliches Werk, das hoffentlich viele Kinozuschauer in den Bann ziehen wird. Ebenfalls gebürtiger Mecklenburger – Charly Hübner – verleiht passenderweise den Bildern seine Stimme aus dem off. Die eigens für den Film komponierte Musik von Friederike Bernhardt rundet die Betrachtung über Erinnerung, Heimat und Verlust in einer sich rasant verändernden Welt ab. Ein großer Dank gebührt Fröhlich, dem in unermesslichen Fleißarbeit gelingt, die Erlebnisse der Zeitzeugen auch für zukünftige Generationen zu bewahren. Ab Donnerstag, 2. Juli im Kino.
LÄUFT IM:
Bali-Kino
Teltower Damm 33, Zehlendorf
Do, 2.7. – Mi, 8.7.26, je 20.30 Uhr
Zeiss-Großplanetarium
Prenzlauer Allee 80, Prenzlauer Berg
Do, 2.7.26 17.45 Uhr
Fr, 3.7.26 14.20 Uhr

