Ein bisschen erinnert diese Geschichte an das Kindermädchen Maier, deren fotografischer Nachlass in mehreren Kartons zufällig durch eine Auktion in Chicago entdeckt wurde. Hier handelt es sich nur um etwa 3.000 Fotonegative aus Glas und Film, verstaut in einem Holzkoffer. Gepackt wurde dieser 1941 von Fide Struck, mit dem Du in der Ausstellung Ein Koffer in Berlin Bekanntschaft schließen kannst. In jenem Jahr zieht er mit seiner Frau zu einer neuen Arbeitsstelle von Berlin nach Hamburg. Auf welche Weise der Koffer den Krieg und eine Odyssee durch die Nachkriegszeit übersteht, lässt sich heute nicht mehr nachvollziehen. Fakt jedoch ist, dass Fides jüngster Sohn Thomas den Koffer im Mai 2015 öffnet und den Nachlass erforscht. Zu sehen sind hier nun Arbeiten aus der Zeit von 1932 -1938, die in Berlin entstanden.
Fide, der eigentlich Friedrich heißt, was ihm aber zu streng erschien, beweist ein gutes Auge. Als hervorragender Beobachter fängt er Situationen auf Straßen ein, die sich durchaus humorvoll lesen lassen. Er selbst versteht dich als Arbeiterfotograf, ging in die Brauereien, um dort die Tätigkeiten der Männer festzuhalten. Auch den gestriegelten Pferden widmet er seine Zeit. Treffsicher lichtet er Fischer im Tiergarten ab, die gerade ihre Netze voller Hechte einholen. Ein Kapitel umfasst die Tram 176, die damals von Grunewald bis nach Lichtenberg, einmal quer durch die Stadt quietschte. Schnappschüsse von Schlafenden gibt es ebenso wie von Schaffnern, die schon dann und wann ein Hitlerbärtchen trugen. Als Kamera nutzte Stuck die Plaubel Makina, die Mobilität mit hoher Bildqualität verband. Spontane Momente im Alltag festzuhalten, gelang dem Vater von vier Söhnen vortrefflich. Mein Lieblingsbild ist dies, als seine Frau aus den Tiefen des Damen-WC die Treppe hinaufsteigt, sich lachend umdreht und so ein Bein versteckt. Fide ist auf dem Bild als Schattenwurf, mit einem Arm, die Kamera in der Luft haltend, erkennbar. So finden die Einbeinige und der Einarmige zueinander. Auch seine Kinder stehen mal Modell, inszeniert für ein Spielwarengeschäft in Schöneberg.
Die Ausstellung im Foyer wird um einen 16minütiges Filmchen ergänzt. Hierin erzählt Ulrich Tukur die Geschichte des Fotografens, von der Geburt im Hamburger Gängeviertel, über seine Arbeitslosigkeit 1932, die er gleich nutzt, um sich eine ordentliche Fotoausrüstung zu kaufen bis hin zur Aufnahme seines ursprünglichen Jobs als Buchhalter. Im Oktober 1985 stirbt er in der Hafenstadt.
Eine gelungene Präsentation, die sich hervorragend als Zeitdokument der 30er Jahre lesen lässt. Unbedingt erst die Fotos und im Anschluss das Video anschauen.
WO?
Willy-Brandt-Haus
Wilhelmstraße/Ecke Stresemannstr.
Berlin-Kreuzberg
WANN?
Die-So 12-18 Uhr
bis zum 27. September 2026
FÜR?
freien Eintritt, Ausweis mitbringen als Pfand

