Aufsteller zur aktuellen Ausstellung (Foto: AS)

Reise in die Neunziger

Die Ausstellung Berlin Eins – die Neunziger verhandelt drei fotografische Positionen in den Phasen der Nachwendezeit. Zwei Fotografen und eine Fotografin blicken von außen auf Berlin, das sich gerade aufmachte, Mauern und Grenzanlage zu entfernen, Leerstellen neu zu gestalten und wieder eins zu werden. In den vier hellen Räumen sind hauptsächlich Schwarz-Weiß Fotografien zu entdecken.

André Kirchner und Peter Thieme begeistern die städtebaulichen Brachen und Brandmauern, alte Fassaden und Höfe, der Mief der Nachkriegszeit und der etwas morbide Charme der Selbstbehauptung auf beiden Seiten der Mauer, die sie mit ihren analogen Großformatkameras festhielten. Morgens in der Früh ziehen sie los, stoßen auf teils auto- und menschenleere Magistralen. Heute ein Ding der Unvorstellbarkeit. Die Westperspektive des einen weicht ebenso auf wie die Ostperspektive des andern. Thieme war häufig im etwas runtergekommenen Industriegebiet Oberschöneweide unterwegs, Kirchner hält mit dem Tempelhofer Schwarzkopf-Gebäude dagegen. Seine Bilder entwickelt er selbst und nutzt das klassische Baryt-Papier.
Nelly Rau-Häring hingegen knöpft sich Menschen vor, wodurch ihre Fotos wesentlich lebendiger wirken und auch noch mehr Vergnügen bereiten. Denn wer schwelgt nicht in Erinnerung, wenn er auf den damaligen Volksbühnen Regisseur Christoph Marthaler in Denkerpose stößt. Die gebürtige Schweizerin liebte den Trubel und fotografierte auf Demos, Paraden, Volksfesten. Auch den Abschied der Alliierten, seien es die amerikanischen oder russischen, hielt sie stimmungsvoll fest.
Das Lebensgefühl im Berlin der 90er lässt sich zwischen dokumentarischem Blick und Poesie ganz wunderbar nachempfinden, vor allem, wenn Du damals noch nicht live mit dabei warst. Zudem ermöglichen die Arbeiten eine Auseinandersetzung mit dem Einfluss von Geschichte auf das individuelle Leben, aber auch eine gewisse Entwicklung der Fotografie vom dokumentarischen bis hin zum künstlerischen Ansatz nachvollziehen zu können.
Nelly Rau-Häring zog bereits 1965 nach Westberlin, um am Lette Verein eine Fotografie-Ausbildung zu absolvieren. Bis zu ihrer Rückkehr nach Basel arbeitete sie als frei Fotografin in Berlin. Neben diversen Ausstellungen publizierte sie auch Bücher zum Thema Berlin, Ost und West.
Andre Kirchner ist gebürtiger Bayer (München), den es an die FU zog, um Philologie studieren. So machte er sich 1981 auf die Reise nach Berlin. Sein Studium brach er zugunsten der Fotografie ab und schulte sich autodidaktisch. Der Besuch der Kreuzberger Werkstatt für Photographie erwies immerhin als so erfolgreich, dass er heute seine Brötchen als Fotograf, Galerist und Autor verdient.
Peter Thieme erblickte in Chemnitz das Licht der Welt und studierte ab 1986 Fotografie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig. Er zog ein Jahr vor dem Fall der innerdeutschen Mauer nach Ostberlin. Seitdem lebt er hier und arbeitet ferner auch als Dozent für Fotografie.

Für alle, die damals schon in Berlin ihr Zelt aufgeschlagen hatten, ist die Schau ein Fest des Erinnerns, eine atmosphärische Zeitreise in die Vergangenheit. Wer erst später hier herzog, ist sicher erstaunt, was sich alles verändert hat und kann die großartig komponierten Augenblicke wie auch Schnappschüsse trotzdem genießen.

LOCATION:
Kommunale Galerie Haus am Kleistpark
Grunewaldstr. 6-7, Schöneberg, U Kleiststraße

GEÖFFNET:
Die bis So 11-18 Uhr
bis zum 28. 9.2025

One thought on “Reise in die Neunziger

  • Was für eine eindrucksvolle Ausstellung! Die Kombination aus urbanen Landschaften und lebendigen Porträts vermittelt ein vielschichtiges Bild dieser besonderen Zeit in Berlin. Besonders faszinierend finde ich, wie unterschiedlich die drei fotografischen Perspektiven wirken – und doch zusammen so stimmig sind. Vielen Dank für diese spannende Empfehlung!

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