Werner Grunwald vor seinem Foto einer Bibliothek in Rosario (Foto: AS)
Werner Grunwald vor seinem Foto einer Bibliothek in Rosario (Foto: Anne Schüchner)

Bibliotheken der Welt

Um mit einem Zitat zu beginnen, und dann noch von Jorge Luis Borges, der nicht nur Schriftsteller, sondern auch Bibliothekar war, zu beginnen: „Das Paradies hab ich mir immer als eine Art Bibliothek vorgestellt“. Welch bescheidene und dennoch vortreffliche Aussage! Tja, was wäre die Welt nur ohne Bibliotheken?
Für manche Leute sind sie der einzige Zugang zu Bildung und Kultur. Und das unabhängig von Größe und Bauart. Natürlich beindrucken die Joe und Rika Mansueto Library in Chicago oder die Trinity College Library in Dublin. Aber ungeachtet der Faszination oder Schönheit dieser Bauten, werden die kleinen, in ihrer Existenz teils bedrohten Bibliotheken oft unterschätzt. Auch, weil sie Widerstand gegen etablierte Politik leisten. Um sie visuell besser wahrzunehmen, hat Bibliothekar Werner Grunwald sie vor die Linse geholt. In seinem halbjährigen Sabatical bereiste er 2015/2016 Lateinamerika. So landete er u.a. in Argentinien, Peru und Bolivien. Am Punta del Diablo in Uruguay stieß er beispielsweise auf ein einfaches weißes Haus mit Ziegeldach, von dem einzig der Schriftzug BIBLIOTECA an der Glastür sein Innenleben verät. Wohingegen im bolivischen La Paz eine majestätische Treppe zu einer mit Schmiedeisen verzierten Tür BIBLIOTECA führt. Und ganz arbeitssam, an langen Holztischen geht es in Cajamarcu/ Peru in der Jose Gálvaz Egusquiza zu. Am meisten beeindruckt, allein schon durch die kurvenreiche und abenteuerlich Busfahrt, hat Grundwald die Wolkenbibliothek. Diese befindet sich hoch oben in einem entlegenen Dorf in den peruanischen Anden und funktioniert anders, als man es aus Europa kennt: Nach einem mehrtägigen Fußmarsch bringt ein Bibliothekar die Bücher zu deren Lesern. Und auch die Bücher selbst beziehungsweise die kollektive Lesekultur spielt eine wichtige Rolle: Denn die „Bibliotecas rurales“, die auch „Wolkenbibliotheken“ genannt werden, könnten der Bevölkerung sogar helfen, sich gegen die Ausbeutung ihres Landes zu wehren.
In Rosario, der Gebuststadt von Che Guevara und ebenfalls Heimatstadt von Lionel Messi entdeckt der Hobbyfotograf Grunwald einen Backsteinbau, der der Heimatbibliothek am Wasserturm nicht unähnlich sieht. Auch die Begrünung am Nachbarbau rufen Assoziationen wach. Nur fehlt in Berlin der Fluss im Hintergrund, der auf dem Foto Uruguay von Argentinien trennt. (Rio Paraná). Die Biblioteca Los Libros de la esquina in Buenos Aires, einst besetztes Haus, das sich Werte wie Solidarität, Autonomie und Selbstverwaltung auf die Fahnen geschrieben hatte, wurde leider von der Staatsgewalt geräumt. Aber die Eckbücher-Bibliothek aus Argentiniens Hauptstadt schaffte es auf das Ausstellungsplakat, das ist doch auch schon mal ein was. Grunwald, der demnächst seine wohlverdiente Rente antritt, will durch seine Fotos auf teils poetische, teils realitätsnahe Art zeigen, wie wichtig und zeitlos diese Kultureinrichtungen in einer sich ständig wandelnden Gesellschaft sind. Und vielleicht wird aus dem Projekt Fotos, wozu seine Töchter bereits ebenfalls das eine oder andere Foto beisteuerten, auch mal ein Projekt Buch.
Du kannst Dir aber zunächst in den kommenden Wochen ein Bild von der pluralistischen Gesellschaft der Lesestuben im Lateinamerika machen, ganz ohne weite Entfernungen zurücklegen zu müssen.

Gitarrist Adam spielt zur Vernissage virtuos Country (Foto: AS)

ZU SEHEN:
bis 25. April 2023
Mo, Mi, Do Fr, 13-19 Uhr
Die 11-17 Uhr Uhr

LOCATION:
Bibliothek am Wasserturm, in drei Räumen der Bibliothek
Prenzlauer Allee 227-228
Prenzlauer Berg

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