Screen im U-Bahnhof Märkische Museum (Foto: Anne Schüchner)
Screen im U-Bahnhof Märkisches Museum (Foto: Anne Schüchner)

Fahr mal wieder U-Bahn und steig aus!

Zugegebenermaßen bildet ein U-Bahnhof mit Drei-bis Fünfminutentaktung nicht unbedingt den allerpassendsten Rahmen für ein Filmscreening, aber die Idee hat Charme. Außerdem ist dieser Ort, der 1911-1913 nach Entwürfen des Architekten Alfred Grenander entstand und damals Inselbrücke hieß, sowieso einen Besuch wert. Sechs Assemblagen aus typschischen Baumaterialien der einzelnen Epochen sind an den Wänden des sehr besonderen Korbbogengewölbe-Bahnhof zu entdecken.

Wandbild im U-Bahnhof Märkische Museum (Foto: Anne Schüchner)
Wandbild im U-Bahnhof Märkische Museum (Foto: Anne Schüchner)

Nun wurde anlässlich der Ausstellung „Chaos & Aufbruch – Berlin 1920 I 2020, die momentan im Märkischen Museum läuft, das ehemalige Zugabfertigungshäuschen auf eben jenem Bahnhof in ein Filmfenster verwandelt. Noch bis Mai werden dort auf einem schwarzen Bildschirm, mitten auf dem Bahnsteig drei Kurzfilmprogramme präsentiert, die das Berlin seit der Jahrtausendende aus ganz unterschiedlichen künstlerischen Blickwinkeln zeigen. Und wenn Du Dir nur eine gute halbe Stunde Zeit nimmst, kannst Du Deine Stadt wieder neu entdecken, Dich in die 70er und 80er katapultiert fühlen oder auch in Nostalgie versinken. Die drei Experimentalfilmchen machen, selbst ohne Ton, einfach Spaß.

Als erstes läuft der Zehnminüter „Stadtplan“, auf dem Du Dich auf eine poetische Reise durch Berlin begeben kannst. Als Splitscreen dargeboten und mit Zeitraffer versehen, eilen die Bilder durch die lange getrennte Stadt mit ihren beiden, so divergierenden Hälften.

Es folgt „City West Revisted“. Hier besuchten 2005 Ulf und Körn Staeger eine Vielzahl an Orten der Westberliner City. Wieder über Splitscreen, aber auch anderen Montagetechniken werden Archivaufnahmen aus den 1970er und 1980 Jahren in möglichst ähnlicher Perspektive mit eingeblendet. Du siehst also ein Heute und ein Damals. Und es wird einem sehr bewusst, wie sich das ehemalige Zentrum der Mauerstadt verändert hat. Der Kudamm ist nicht mehr der Kudamm. Die meisten Drehorte der damaligen Gegenwart sind inzwischen selbst Geschichte geworden oder existieren nicht mehr, zumindest nicht mehr in jener Form wie beispielsweise die Eislaufbahn im Europa Center, das legendäre Café Kranzler oder der ehrwürdige Gloria Palast.

Filmstill "Ostkreuz" im U-Bahnhof Märkische Museum (© Laura Geiger/Tom Kretschmer))
Filmstill „Ostkreuz“ im U-Bahnhof Märkische Museum (© Laura Geiger/Tom Kretschmer))

Das Trio vollendet der Film „Ostkreuz“, zwischen 2005 und 2007 gedreht. Der Bahnhof im Ostteil stellte eine Art Dauerprovisorium dar und wurde gleichermaßen von seinen Fahrgästen geliebt und gehasst. Es herrschte dort immer ein wunderbares Durcheinander mit hohem Verkehrsaufkommen, ohne Glamour und Glanz, ständig pfiff einem der kalte Wind um die Ohren. Der Film deutet den Verlust von Atmosphäre an und meistert die Gradwanderung zwischen nötiger Veränderung und Bewahrung gewachsener Strukturen. Mit dem knapp neunminütigen Streifen wird dem maroden und doch charmantem Bahnhof ein kleines Denkmal gesetzt. 1982 erbaut und 2006 der Abrissbirne anheim gefallen, bleibt er in den Herzen der (Ost)Berliner verankert.

PROGRAMM bis Ende November 2020

„Stadtplan“
USA, Deutschland 2004, 10 min
Regie, Kamera, Schnitt: Reynold Reynolds

City West Revisted“
Deutschland 2006, 14 min
Regie, Schnitt: Ulf Staeger
Kamera: Ulf und Jörn Staeger

„OstkreuzPortrait eines Bahnhofs“
Deutschland 2007, 8:34 min
Regie, Kamera, Schnitt: Laura Geiger, Tom Kretschmer

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