Plakat der Ausstellung in Oberschöneweide (Foto: Anne Schüchner)

Fotoausstellung: Die Ostdeutschen

Zugegebenermaßen liegt diese Location nicht ganz so zentral, dennoch ist sie eine Reise wert. Die ehemalige Fabrikhalle des AEG-Transformatorenwerks in Oberschöneweide versprüht immer noch Charme und wurde sorgfältig restauriert und umfunktiort.

In dieser hellen Ausstellungshalle kannst Du – so dies noch nicht der Fall sein sollte – Bekanntschaft mit
Roger Melis, einem der ganz großen Fotografen der ehemaligen DDR, schließen. Die Ausstellung trägt den Titel „Die Ostdeutschen“ und setzt sich eben mit jenen auseinander, ohne ihnen eine kollektive Identität, wie so manch böse Zunge behauptet, anzudichten. Denn Melis, selbst aus Ostberlin weiß, dass es die nie gegeben hat.

Der Berliner gehört mit zu den Begründern einer ostdeutschen Autorenfotografie, die jenseits der offiziellen Propaganda das reale Leben einfangen wollte. Kaum ein Fotograf hat de Ostdeutschen und ihr Arbeits- und Freizeitsumfeld so facettenreich beleuchtet wie Melis. 30 Jahre lang fuhr er durch die Republik und dokumentierte das alltägliche Leben der DDR-Bürger, sei es bei einer Silvesterfeier oder einem Feierabendbier.

Von Schriftstellern und Künstlern, die auch teilweise zum Freundeskreis Melis gehörten, schuf er bereits in den 60er Jahren prägnanate Porträts, jene von Christa Wolf, Heiner Müller oder Rolf Biermann waren über die Grenzen des Ostens hinaus bekannt, weil sie oft in Zeitungen und Verlagen publiziert wurden. Mit eben jenen viel gerühmten Porträtfotografien prägte Melis bis zur Jahrtausendwende maßgeblich das Erscheinungsbild der deutschen Literatur. Mode fotografierte er vorzugsweise für die „Sibylle„, die älteren Ostsozialisierten unter Euch werden sich an diese Zeitschrift erinnern.

Mit ähnlicher Akkuratesse stellte er Menschen aus fast alles sozialen Bereichen dar: Direktoren genausow wie Arbeiter, Bauern und Forstwirtschaftler, Handwerker und Kaufmannsleute,  Funktionäre und Rebellen.

Malerbrigade, Berlin 1980 (Foto: Roger Melis)
Malerbrigade, Berlin 1980 (Foto: Roger Melis)

Die sensiblen Porträts sind durch Mileustudien ergänzt, zusammen vemitteln sie ein vielschichtiges Bild des real existierenden Sozialismus. Die Fotos erzählen von Stolz und Selbstbewusstsein der Ostdeutschen, aber auch von Resignation und Skepsis. Oder stellen gelungene Momentaufnahmen einer bestimmten Zeit dar. Sie schaffen es, den wenn auch nicht schillernden, so doch gestalteten und auch vergnügten Kosmos einer versunkenen DDR zu repräsentieren.

Ganze 160 Aufnahmen kannst Du in dieser Ausstellung, gegliedert in 21 Sektionen – von Jugendlichen und Berufstätige über Festivitäten und Werkstatt bis hin zu Ostsee und Tag der Deutschen Einheit –  begutachten. Und damit wird die Schau zu einer bisher umfangreichsten Retrospektive der Fotografien Roger Melis‘. Neben klassischen Aufnahmen werden auch bislang unbekannte Arbeiten aus Melis Nachlass präsentiert. Und das haben wir vor allem dem Kurator Mathias Betram zu verdanken, der diesen seit Melis Tod als sein Stiefsohn verwaltet.

Kurator Mathias Bertram (Foto: Anne Schüchner)
Kurator Mathias Bertram (Foto: Anne Schüchner)

Melis, geboren 1940, machte seinen ersten Schritte als wissenschafltlicher Mitarbeiter der Charité, wo er bei OPs fotografierte. Später gründete er mit Arno Fischer, Sibylle Bergemann u.a. 1969 die Fotogruppe Direkt. Von 1978 bis 1990 hatte er einen Lehrauftrag in Weißensee inne, Melis‘ damaliges Modell Sven Marquardt vermittelt sein Wissen jetzt an Studenten der Ostkreuzschule. Bis 2006 lehrte der Chronist Fotografie beim Lette-Verein. Im Herbst 2009 ist er in Berlin gestorben

Sven Marquardt (Foto: Roger Melis)
Sven Marquardt (Foto: Roger Melis)

 

ADRESSE:
Reinbeckhallen
Reinbeckstr. 17
12459 Berlin

ÖFFNUNGSZEITEN
Donnerstag und Freitag
16 – 20 Uhr
Samstag, Sonntag und feiertags
11 – 20 Uhr

EINTRITT
5 ,-/erm. 3 Euro
freitags frei

AUSSTELLUNGSDAUER
bis zum 28. Juli 2019

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